Mobilität in Deutschland und wo die Verkehrswende stockt
E-Bike oder E-Auto, zu Fuß oder doch mit dem Bus? Jetzt ist er raus der neue Bericht darüber, wie wir Deutschen uns fortbewegen. Und er deckt ein paar wichtige Dinge auf. Damit dient er als Grundlage für zukünftige Planungen wie den kommunalen Straßenverkehr oder Autobahnen usw. Aber auch dafür, ob und wie stark eine Ladeinfrastruktur in Städten ausgebaut werden müßte.
Details zur Datenerfassung und Auswertung erspare ich Euch hier. Die könnt Ihr im Kurzbericht oder in der Vollversion nachlesen https://www.mobilitaet-in-deutschland.de/publikationen2023.html
Die Demographie schlägt zu
Deutschland altert, das wissen wir seit langem. Dieses schlägt sich auch in der Mobilität (Wege und Distanzen) nieder, sie nimmt mit zunehmendem Alter ab. Besonders deutlich wird das in der Gruppe der Ü70 jährigen. Während in dieser Gruppe zwar anteilig mehr Frauen einen Führerschein haben als früher nutzen sie das Auto seltener als Männer. Seniorinnen gehen häufiger zu Fuß und nutzen verstärkt den ÖPNV.
Ob das nun aus Sorge um ihre Gesundheit oder aus der Selbsteinschätzung ihrer Fähigkeiten im motorisierten Straßenverkehr zu bestehen, wird hier nicht beleuchtet.
Deswegen hier ein Zitat aus anderer Quelle: „Sind Menschen im Alter 75 plus in Unfälle verwickelt, haben sie diese in 76,7 Prozent der Fälle auch verursacht. Das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2023. Menschen im Alter von 65 plus sind in 60,8 Prozent der Fälle jene, denen die Schuld an einem Unfall gegeben wird. Durch den demografischen Wandel werden diese Gruppen nach Ansicht von Fachleuten künftig weiter wachsen.“
Das zu Fuß gehen boomt
Zu Fuß gehen ist immer noch die kostengünstigste und verfügbarste (robuste) Art der Mobilität. Besonders im Alltag für kurze Wege hat sie ihre Bedeutung verstärkt (siehe auch Modal Split, Abb. 1). Bedenkt man die gesundheitsfördernden Eigenschaften dieser Fortbewegungsart, finde ich es wirklich auffällig, wie sich hier die Geschlechtsunterschiede darstellen, vor allem in der älteren Gruppe. Durch den Zuwachs in diesem Segment wird allerdings auch offensichtlich, wie marode die Infrastruktur ist. Für Fußwege gilt Ähnliches wie für Radwege – es ist noch viel Potential nach oben.

Migranten stützen den ÖPNV
Insgesamt 31Prozent der Befragten geben explizit an, Busse und Bahnen gar nicht zu benutzen. Das ist fast ein Drittel der Bevölkerung! Noch nie Bus gefahren! (Spoiler ebenso viele sind auch noch nie geflogen).
Eine erste Auswertung zu Deutschen mit Migrationshintergrund zeigt, dass diese eine deutlich höhere Orientierung zur Nutzung des ÖPNV haben. Da diese durch sehr unterschiedliche Parameter beeinflußt sein kann (städtisches Umfeld, Lebensalter, ökonomische Situation), braucht es einer differenzierteren Analyse.
Gleicht das Deutschlandticket die Corona Delle aus?
Das Deutschlandticket, von dem Volker Wissing sagt, dass es den Verkehr demokratisiert habe, ist ein wichtiger Baustein im Tarifgefüge des Nahverkehrs geworden. Dieses läßt sich in der Auswertung belegen, denn es wird im Durchschnitt von 16 Prozent der Deutschen verwendet, 58 Prozent der regelmäßigen Nutzerinnen des ÖPNV besitzen es. Damit hat das Deutschlandticket die Nutzung des ÖPNV vereinfacht und Hürden abgebaut. Zur Zufriedenheit mit dem Angebot hat es verständlicherweise nicht beigetragen. Auch den Rückgang der Nutzerzahlen nach Corona konnte es nur kurzfristig ausgleichen.
Der ÖPNV muß nicht nur preislich attraktiv sein, damit er genutzt wird.
Deutschland fährt elektrisch
Das Problem Deutschlands ist, dass es das Auto mit Wohlstand und Wachstum gleich setzt und ja, ein immer neues Aus vom Verbrenner-Aus will. Die Deutschen fremdeln also mit dem E-Auto; 2025 ist der Anteil der Neuzulassungen bei erst 3 Prozent. Grandios! Dazu haben wir uns im vergangenen Jahr kritisch auseinander gesetzt.
Dennoch boom die E-Mobilität – mit dem e-Bike. Doch auch hier offenbaren sich mit der stärkeren Nutzung des Rades (ob elektrisch oder nicht) die marode Infrastruktur.
Zaghafte Ansätze einer Antriebswende im PKW Bereich zeichnen sich ab, jedoch keiner Verringerung der PKW Dichte. Das zeigt auch im Modal Split, bei dem das Auto als Fahrer- oder Mitfahrerin immer noch das am häufigsten genutzte Verkehrsmittel ist. Und trotz Elektrifizierung wächst der Anteil des Rades im Modal Split nicht wirklich.

Die Festgefahrenen
„Bad habits die hard“. Eine Verhaltensänderung wird nicht über Nacht erreicht und deswegen sieht man in der Übersicht über die Mobilitätstypen auf wenige Veränderungen zu den vorherigen Jahren (oberer Teil der Abbildung 2). Schaut man sich jedoch die Verteilung auf die verschiedenen Regionen Deutschlands an, so sind erste Trends zu erkennen. So sind in Metropolen die Nutzung von Rad und ÖPNV stärker als in anderen Regionen und im ländlichen Bereich dominiert nach wie vor die Nutzung des PKW.
Dazu haben wir uns vor vier Jahren https://wurstend.net/magazin/mobilitaet/verkehrswende-muss-das-auto-weg/ intensiv beschäftig und auch die Analyse von Hauslbauer zum vorherigen MiD Bericht betrachtet. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0967070X22001780
Allerdings ist im ländlichen Raum keine Alternative zum Auto zu erkennen.
Die Wege nehmen ab
Wie fahren weniger, brauchen dafür aber länger. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass zu viele PKW auf den Straßen unterwegs sind. Dazu forscht und publiziert Prof. Andreas Knie in Berlin Gleichzeitig sieht er in der leicht zurückgegangenen Fahrleistung der PKW einen Silberstreifen am Horizont.
Car-Sharing und on-demand Angebote
Wenig Zuspruch finden in Deutschland noch immer on-demand Angebote und Car-Sharing. Letzteres läuft eigentlich nur in Großstädten und auch dort sind die Unterschiede Personen, die eine App haben und Personen, die tatsächlich fahren groß. Dabei liessen sich hier signifikanten Einspareffekte (CO2 Emissionen) erreichen, da in vielen Städten der Parkraum knapp ist und der Nahverkehr gut ausgebaut ist. Es ist viel Luft nach oben bei der digitalen Vernetzung der Angebote.
Die Demokratisierung der Mobilität
In den vergangenen 20 Jahren hat sich wenig getan an unseren Mobilitätsgewohnheiten. Selbst eine Pandemie und eine stärkere Nutzung des Home-Offices haben da nichts signifikant verändert. Das bedeutet, dass die Politik aktiv gegen steuern müßte. Davon ist bisher wenig zu sehen. Finanzielle Anreize werden weit überwiegend in den MIV gesteckt (Autobahnbau, Pendlerpauschale, Förderung von e-Autos aber nicht von anderen Transportsystemen usw). Der ländliche Raum ist dabei „anschlußfähig“.
Viele Menschen mit Mobilitätseinschränkungen werden von den derzeitigen Angeboten nicht abgeholt. Sie haben nicht nur Probleme beim zu Fuß gehen, sondern auch beim Zugang und der Nutzung des ÖPNV, etwa wegen mangelnder Barrierefreiheit (Stufen, fehlende Aufzüge, schwierige Wegführung). Die Zahlen gehen von knapp 8 Millionen (Menschen mit Schwerbehinderung) bis zu 13 Millionen (Personen mit Beeinträchtigungen) Für viele von ihnen kommt keine der beiden Mobilitätsarten in Frage. Ob sie Nutzerinnen von Leih-Scootern oder anderen Angeboten der Mikromobilität sein könnten, ist nicht untersucht.
Es kann dabei nicht die Lösung sein, nur den Autoverkehr „intelligenter“ zu machen, sondern neue Verkehrskonzepte müssen Stadtplanung, Nachhaltigkeit, Ressourcenmanagement und Klimaanpassung mit bedenken.
Bildnachweis: Titelbild erstellt mit Material von MorayMemories https://www.etsy.com/shop/MorayMemories
